Die drei Typen von Menschen im KI-Zeitalter – und warum 2026 das Jahr der Entscheidung ist
Vor ein paar Tagen bin ich über ein Video gestolpert, das mich nicht mehr losgelassen hat. Nicht weil es sensationell war – im Gegenteil: Es war erschreckend nüchtern. Der Sprecher, normalerweise kein Freund von Übertreibungen, sagte sinngemäß: „Wenn ich so etwas sage, dann ist es real. Oder ich bin verrückt geworden."
Die These: Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt, der über die nächsten 12 bis 36 Monate entscheiden wird, wer auf der Gewinnerseite steht – und wer aufwacht und feststellt, dass die Einstiegsjobs verschwunden sind.
Klingt dramatisch? Vielleicht. Aber lasst mich erklären, warum ich glaube, dass an dieser Einschätzung etwas dran ist – und was das konkret für uns hier in der Region bedeutet.
Die drei Archetypen: Wie Menschen auf Veränderung reagieren
Wenn sich etwas Grundlegendes ändert – ob Buchdruck, Industrialisierung oder jetzt KI – dann spalten sich Menschen in drei Gruppen. Das war immer so, und es ist jetzt nicht anders.
1. Die Widerständler
Das sind Menschen, die ihre Identität an die Art und Weise geknüpft haben, wie Dinge bisher gemacht wurden. Der Künstler, der sagt: „Wer KI benutzt, ist kein echter Künstler." Der Schreiber, der behauptet: „Gutes Schreiben kann eine Maschine nicht replizieren." Der Handwerker, der findet: „Das haben wir schon immer so gemacht."
Interessanterweise ziehen diese Menschen oft Bedeutung aus genau diesem Widerstand. Sie kämpfen gegen etwas, und dieser Kampf gibt ihnen Status in ihrer Gruppe – sei es durch Likes auf Social Media oder Anerkennung im Kollegenkreis.
Das Problem: Sie verwechseln das Werkzeug mit dem Wert, den sie schaffen. Ihre Identität hängt am Wie, nicht am Was oder Warum.
2. Die Abwarter
Diese Gruppe ist vermutlich die größte. Sie sehen, dass sich etwas tut. Sie lesen die Schlagzeilen. Sie denken sich: „Ich schau mir das später an, wenn es ausgereifter ist."
Das war bei früheren technologischen Umbrüchen auch eine valide Strategie. Wer bei der Digitalisierung fünf Jahre gewartet hat, konnte immer noch aufholen. Der Rückstand war linear: Fünf Jahre später anfangen bedeutete fünf Jahre Rückstand.
Bei KI ist das anders. Der Rückstand ist exponentiell.
Wer heute anfängt zu experimentieren, lernt nicht nur die Tools – er entwickelt ein Gespür dafür, was möglich ist. Er baut mentale Modelle auf. Er findet seinen eigenen Workflow. Und dieser Vorsprung multipliziert sich mit jedem Monat.
Die Abwarter von heute werden nicht fünf Jahre hinterherhinken. Sie werden möglicherweise nie aufholen.
3. Die Neugierigen
Diese Menschen verstehen etwas Wichtiges: Es gibt einen Unterschied zwischen einem Werkzeug ausprobieren und ein Werkzeug beherrschen.
Sie wissen, dass neue Technologien eine Anlaufzeit brauchen – sowohl die Technologie selbst (GPT-3 war noch ziemlich nutzlos, Claude Opus 4.5 ist es definitiv nicht) als auch die eigene Kompetenz damit.
Die Neugierigen romantisieren weder die Vergangenheit noch fürchten sie die Zukunft. Sie experimentieren. Sie scheitern. Sie lernen. Und sie entdecken Möglichkeiten, die anderen verborgen bleiben.
Warum dieses Mal anders ist – und auch wieder nicht
Die gute Nachricht: Dieses Muster ist nicht neu. Jede technologische Revolution hat Gewinner und Verlierer produziert, und das Grundprinzip war immer dasselbe.
Der Buchdruck machte Schreiber arbeitslos – aber er schuf Drucker, Verleger und Lektoren. Die Industrialisierung ersetzte Handweber – aber sie brauchte Maschinenbediener, Ingenieure und Manager. Die Digitalisierung eliminierte Schreibkräfte – aber sie erschuf Sachbearbeiter, IT-Spezialisten und Content Manager.
Das Muster heißt: Skills abstrahieren nach oben.
Der Schreiber, dessen Job es war, Buchstaben auf Papier zu bringen, wurde ersetzt. Aber die Fähigkeit zu entscheiden, was geschrieben wird, wurde wertvoller. Der Lektor entstand – jemand, der nicht mehr kopiert, sondern kuratiert.
Genau das passiert gerade wieder.
Die Grundlinie wird geflutet
Hier liegt der Knackpunkt, den viele noch nicht verstanden haben:
Jeder kann jetzt in 30 Sekunden 2000 Wörter generieren. Mit einem ChatGPT-Abo für 20 Euro im Monat. Kompetent geschrieben. Grammatikalisch korrekt. Und... austauschbar.
Die Grundlinie – das, was früher „durchschnittliche Qualität" war – ist plötzlich inflationär verfügbar. Blog-Artikel, Social-Media-Posts, E-Mails, Berichte: All das kann jetzt jeder produzieren.
Aber die Decke? Was wirklich großartige Arbeit ausmacht? Die hat sich nicht bewegt.
Originalität des Gedankens. Eine Stimme, die unverwechselbar ist. Die Fähigkeit, Menschen etwas sehen zu lassen, was sie vorher nicht gesehen haben. Das kann KI nicht. Noch nicht. Vielleicht nie.
Wenn du nur Durchschnitt lieferst, konkurrierst du jetzt mit unendlich viel Durchschnitt.
Aber wenn du das liefern kannst, was über dem Durchschnitt liegt – den eigentlichen Wert – dann bist du wertvoller als je zuvor.
Die Schlüsselkompetenz: Geschmack und Urteilsvermögen
Hier wird es konkret. Wenn jeder alles produzieren kann, was wird dann zur entscheidenden Fähigkeit?
Die Fähigkeit zu entscheiden, was es wert ist zu existieren.
Das klingt abstrakt, also ein Beispiel:
Früher war Schreiben langsam. Man saß vor dem Papier, überlegte, formulierte um, verwarf. Diese Reibung zwang zum Nachdenken. Man konnte nicht einfach 50 Varianten generieren – man musste sich entscheiden.
KI entfernt diese Reibung. Du kannst jetzt 50 Varianten in fünf Minuten haben. Aber: Welche davon ist gut? Welche verdient es, veröffentlicht zu werden? Welche wird tatsächlich etwas bewirken?
Diese Entscheidung – das ist Geschmack. Das ist Urteilsvermögen. Und das ist das, was du trainieren musst, wenn du auf der richtigen Seite der Veränderung landen willst.
Was das praktisch bedeutet
Wenn du KI nutzt, um weniger zu arbeiten, verpasst du den Punkt.
Die richtige Frage ist nicht: „Wie kann ich mit KI weniger tun?" Die richtige Frage ist: „Was kann ich jetzt tun, was ich vorher nicht konnte?"
Ein konkretes Beispiel aus meiner Arbeit: Früher hätte ich für eine umfassende Marktanalyse Tage gebraucht. Jetzt kann ich in Stunden einen ersten Entwurf haben – nicht weil die KI die Analyse macht, sondern weil sie mir hilft, schneller an die relevanten Informationen zu kommen. Die eigentliche Analyse, die Interpretation, die strategischen Schlussfolgerungen – das bleibt bei mir.
Aber ich kann jetzt Analysen machen, für die ich früher keine Zeit gehabt hätte.
Fünf Fähigkeiten, die wertvoller werden
Basierend auf dem, was ich beobachte, hier die Fähigkeiten, in die es sich zu investieren lohnt:
1. Urteilsvermögen
Ist das Ergebnis gut oder schlecht? Diese Frage wird wichtiger, je mehr Ergebnisse automatisch generiert werden können. Du musst in der Lage sein, Qualität zu erkennen – auch wenn du sie nicht selbst produziert hast.
2. Kommunikation
Klar ausdrücken, was du willst und brauchst. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Je mächtiger die Werkzeuge werden, desto wichtiger wird die Präzision, mit der du sie steuerst.
3. Problemverständnis
Das eigentliche Problem erkennen, nicht nur die Symptome behandeln. KI kann dir bei der Lösung helfen – aber nur du kannst entscheiden, ob du überhaupt das richtige Problem löst.
4. Lernfähigkeit
Neues schnell aufnehmen und anwenden. Die Tools ändern sich. Wer sich schnell anpassen kann, hat einen strukturellen Vorteil.
5. Menschlichkeit
Empathie. Vertrauen. Verantwortung. Das sind die Dinge, die Maschinen nicht können – und die in einer zunehmend automatisierten Welt umso wichtiger werden.
Was du diese Woche tun kannst
Genug Theorie. Hier ist, was ich dir vorschlage:
Schritt 1: Ausprobieren
Nimm dir ein KI-Tool – ChatGPT, Claude, whatever – und gib ihm eine echte Aufgabe. Nicht „schreib mir ein Gedicht", sondern etwas, das du tatsächlich brauchst. Einen Brief. Eine Recherche. Eine Ideensammlung.
Schritt 2: Anwenden
Bau das in deinen Alltag ein. Nicht als Ersatz für deine Arbeit, sondern als Verstärker. Wo kannst du Zeit sparen, die du dann in das Wesentliche investieren kannst?
Schritt 3: Bewerten
Und hier kommt das Wichtige: Prüfe die Ergebnisse kritisch. Was war gut? Was war Müll? Wo hättest du es besser gewusst?
Dieser dritte Schritt ist der, den die meisten überspringen – und er ist der wichtigste. Denn hier trainierst du dein Urteilsvermögen. Hier entwickelst du Geschmack.
Die Chancen für unsere Region
Hier ein paar konkrete Beispiele, was wir in der Region bereits sehen:
Kommunen: Bürgeranfragen, die früher Stunden Bearbeitungszeit brauchten, können jetzt in Minuten vorsortiert und teilweise beantwortet werden. Die Sachbearbeiter haben mehr Zeit für die komplexen Fälle – die, wo menschliches Urteil gefragt ist.
Handwerk: Angebotserstellung, Dokumentation, Korrespondenz – all das lässt sich beschleunigen. Ein Handwerker, der abends noch schnell drei Angebote rausschicken kann, hat einen Vorteil gegenüber dem, der dafür den ganzen nächsten Vormittag braucht.
Bildung: Individuellere Unterstützung für Schüler wird möglich. Nicht als Ersatz für den Lehrer, sondern als Ergänzung – für die Schüler, die mehr Übung brauchen, oder die, die schneller vorankommen wollen.
Die Chancen sind da. Die Frage ist nur, wer sie nutzt.
Die Risiken – und wie wir damit umgehen
Natürlich gibt es Risiken. Wer sie ignoriert, ist naiv. Hier die wichtigsten:
Qualitätsverlust
Blind vertrauen statt prüfen. Das ist vielleicht das größte Risiko: Menschen, die KI-Output ungeprüft übernehmen. Ergebnisse müssen kontrolliert werden. Immer.
Abhängigkeit
Grundfähigkeiten verlernen. Wenn du nie mehr selbst rechnest, vergisst du, wie Rechnen funktioniert. Wenn du nie mehr selbst formulierst, verlierst du das Gespür für Sprache. Die Grundlagen müssen erhalten bleiben.
Datenschutz
Sensible Daten in fremde Hände. Ein Thema, das uns bei OAKMIND besonders am Herzen liegt. Deshalb setzen wir auf DSGVO-konforme Lösungen mit Hosting auf deutschen Servern. Nicht jeder Cloud-Anbieter verdient dein Vertrauen.
Fehlinformation
KI kann überzeugend falsch liegen. Das ist keine Schwäche einzelner Modelle – das ist eine Eigenschaft der Technologie. Halluzinationen passieren. Fakten müssen gecheckt werden.
Die Lösung ist nicht, KI zu meiden. Die Lösung ist, sie mit Verstand zu nutzen.
Das Fazit: Es geht nicht um Technologie
Wenn ich eines aus den letzten Monaten gelernt habe, dann das: Die Technologie ist nicht das Entscheidende.
Entscheidend ist die Haltung.
Bist du jemand, der sich an das klammert, was war? Oder jemand, der neugierig ist auf das, was sein könnte?
Bist du jemand, der wartet, bis andere den Weg geebnet haben? Oder jemand, der selbst losgehen will – auch wenn der Weg noch nicht gepflastert ist?
Die Technologie wird sich weiterentwickeln. Was heute beeindruckend ist, wird in zwei Jahren normal sein. Und was heute unmöglich scheint, wird in fünf Jahren selbstverständlich.
Aber die Menschen, die jetzt anfangen – die werden in fünf Jahren nicht wiederzuerkennen sein.
Der beste Zeitpunkt anzufangen war vor einem Jahr. Der zweitbeste ist heute.